Ein Jahr nach dem Anschlag von Hanau – von Konsequenzen und Verantwortung keine Spur

Am 19.2. jährt sich der rechtsterroristische Anschlag von Hanau mit insgesamt 10 Toten zum ersten Mal.

Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Kaloyan Velkov, Mercedes Kierpacz, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz, Vili-Viorel Păun.

Diese 9 Menschen wurden aus rassistischen Motiven ermordet. Die Anteilnahme direkt nach der Tat war groß, Aufklärung und Konsequenzen wurden versprochen, so, dass es keinen weiteren Anschlag dieser Art mehr geben könne.
Am 14.2. stellte die „Initiative 19. Februar Hanau“ und Angehörige der Opfer, sowie Überlebende des Anschlags, in einem Livestream die bis heute ungeklärten Vorgänge vor der Tat, in der Tatnacht und nach der Tat, insbesondere in Hinblick auf das staatliche Versagen und Fehlverhalten, vor.

Vor der Tat
Der Täter von Hanau hatte seit 2013 eine Waffenbesitzkarte, die verlängert und sogar zur europäischen Waffenbesitzerlaubnis ausgeweitet wurde. Er besuchte mehrere Schießtrainings in der Slowakei. Und das, obwohl er in seiner Vergangenheit unter Zwang in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen wurde und er vor der Tat Anzeigen bei der Generalbundesanwaltschaft und der Staatsanwaltschaft Hanau stellte, die rassistische und verschwörungsideologische Inhalte hatten. Eine Überprüfung des Täters durch die Behörden, auch in Hinsicht auf Eignung zur Waffenerlaubnis erfolgte daraufhin nicht.
Weitere Fragen stellen sich in Bezug auf die Arbeit der Polizei Hanau. Schon 2017 und 2018 gab es zwei Zwischenfälle in unmittelbarer Nähe zum Wohnsitz des Täters, bei denen Jugendliche durch einen in Militärkleidung gekleideten und mit Sturmgewehr bewaffneten Mann bedroht wurden. Die Polizei Hanau nahm die Notrufe scheinbar nicht ernst und verwarnte die Jugendlichen, den Notruf nicht mehr zu missbrauchen. Eine Überprüfung, ob und wer in der Nähe des Tatortes eine Waffenbesitzerlaubnis hat, gab es nicht.
Ein offener Punkt bezieht sich weitergehend auf einen der Tatorte, die Arena Bar. Denn der Hinterausgang der Arena Bar war als ständig verschlossen bekannt. So bekannt, dass die Polizei bei Razzien der Bar den Hinterausgang der Bar von Außen nicht überwachte. In der Tatnacht bedeutete dies, dass der einzige Fluchtweg aus der Bar nicht passierbar war. Ermittlungen gegen den Betreiber wegen fahrlässiger Tötung wurden erst nach Anzeige eines Angehörigen aufgenommen, obwohl der Umstand den Behörden schon länger bekannt gewesenen war.

In der Tatnacht
Laut dem hessischen Innenminister Beuth seien sowohl der Polizeieinsatz als auch die Betreuung der Angehörigen in der Tatnacht optimal verlaufen. Dem widersprechen die Angehörigen jedoch deutlich.
Vili-Viorel Păun starb bei der Verfolgung des Täters mit dem Auto, während der er mehrfach versuchte den Notruf zu erreichen. Er wurde jedoch dreimal nicht durchgestellt, da die Hanauer Polizei nicht an eine entsprechende Notrufzentrale angebunden war. Neben Vili-Viorel versuchten auch zahlreiche Zeug*innen die Polizei zu verständigen, scheiterten jedoch zum Teil ebenso an der mangelhaften Besetzung der Notrufleitungen in Hanau. Bis heute ist die Polizei Hanau nicht an eine Notrufleitstelle angebunden.
Dem Überlebenden Piter Minnemann wurde zuerst wenig durch die eintreffenden Polizeikräfte beachtet und später zu Fuß zu einer drei Kilometer entfernten Polizeiwache geschickt, wo er seine Aussage tätigen sollte. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, zu dem der Täter noch auf freiem Fuß war.

Das tut mir bis heute weh. Wer hat entschieden so vorzugehen? Warum wurde es so gemacht?

Serpil Temiz Unvar


Auch bei der Betreuung der Angehörigen widersprechen diese den Darstellungen Beuths deutlich. Die Angehörigen von Mercedes Kierpacz und Ferhat Unvar kritisieren die Polizei stark.
Die Angehörigen von Mercedes Kierpacz warteten vor der Arena Bar im Auto auf weitere Informationen zur Tat, als sie unter vorgehaltener Waffe vom SEK zum Aussteigen gezwungen wurden. Auch nach der Identifikation als Angehörige eines Opfers nahmen die Beamten die Waffen nicht direkt runter. Eine Entschuldigung für diesen Vorfall gab es nicht.


Die Mutter von Ferhat Unvar, Serpil Temiz Unvar, kritisiert auch den Umgang mit den restlichen Angehörigen und die Informationspraxis der Polizei Hanau. Die Angehörigen wurden über Stunden, zuerst in einem Bus und später auf einer Polizeiwache, ohne klare Informationen zum Verbleib der Opfer allein gelassen. Erst am Folgetag um 6:30 Uhr wurde eine Liste mit allen Opfern verlesen.

Nach der Tat

„Ich bezeichne den Anblick des obduzierten Körpers meines Bruders, als zweiten Anschlag“

Çetin Gültekin, Bruder von Gökhan Gültekin


Der skandalöse Umgang mit den Angehörigen setzte sich auch im Nachgang der Tatnacht fort. In den Obduktionsakten wurde die Erreichbarkeit der Angehörigen negiert oder fälschlicherweise eingetragen, dass die Angehörigen angehört wurden. Tatsächlich gab es keine Möglichkeit für die Angehörigen sich vor den Obduktionen von den Opfern zu verabschieden. Ihnen wurde nicht einmal mitgeteilt, wo sich die Leichname befinden. Die Sterbeurkunde für Vili-Viorel Păun wurde nicht einmal auf Vili-Viorel ausgestellt, sondern auf den Namen seines Vaters. Auch gibt es immer noch Unklarheiten in den Abläufen der Tatnacht. Der Todeszeitpunkt von Ferhat Unvar lässt sich nicht eindeutig nachvollziehen, auch nicht ob und wann medizinische Hilfe geleistet wurde, da die beantragten Einsatzprotokolle der Nacht bisher nicht ausgehändigt wurden.

„Sie haben uns das Recht genommen, loszulassen“

Abdullah Unvar, Cousin von Ferhat Unvar

Und auch später, als der Vater des Täters wieder in sein Wohnhaus zurückkehrte, setzte sich dieser Umgang fort. Als Folge gab es mehrere Gefährderansprachen gegenüber Angehörigen der Opfer, die dazu rieten, auf die eigenen Familienmitglieder einzuwirken keine Straftaten gegen den Vater des Täters zu begehen. Der Vater des Täters konnte hingegen bislang ungehindert die Waffen, die Munition als auch die Freigabe der Webseite des Täters fordern, sowie mehrere rassistische Anzeigen, unter anderem gegen das Mahnmal des Anschlags, fertigen.

Was fordern die Angehörigen?
Die Forderungen der Initiative sind klar: Sie fordern, dass endlich die Kette des behördlichen Versagens vor, während und nach der Tat eingestanden wird. Sie fordern die lückenlose Aufklärung des Anschlags und der Fehler, sowie die konsequente Entwaffnung von Rassist*innen und bekannten Rechtsextremen. Statt leeren Worthülsen müssten sich die Behörden mit dem im Anschlagskomplex zur Schau gestellten institutionellen Rassismus auseinandersetzen und Verantwortung übernehmen. Sie fordern Gerechtigkeit, denn entscheidende Faktoren, wie die Rolle des Vaters oder der verschlossene Notausgang, sind bis heute nicht aufgeklärt und niemand wurde dafür zur Verantwortung gezogen.

Bildquelle: Initiative 19. Februar Hanau


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