Kommentar: Das Dilemma mit der Pandemie-Müdigkeit

Seit November 2020 schränkt sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung massiv in ihren privaten Kontakten und Aktivitäten ein, um die Infektionszahlen zu senken. Auf den „Lockdown light“, der zwar das Wachstum der Infektionszahlen stoppen konnte, jedoch nicht zu einem Sinken der Infektionen sorgte, folgte der zweite „harte Lockdown“. Ab Mitte Dezember war der Einzelhandel und die Kultur quasi vollständig geschlossen, gar banale Hobbys, wie die alleinige Nutzung öffentlicher und privater Sporteinrichtungen untersagt. Die Zahlen sanken, langsam, aber sie sanken.
Morgen wollen die Regierungschef*innen der Länder und die Bundeskanzlerin in einem Treffen das weitere Vorgehen besprechen und auch die Möglichkeit von Lockerungen diskutieren.

Die Ausgangslage
Das Treffen am Mittwoch steht unter schlechten Zeichen: Auf der einen Seite sollen handfeste Perspektiven für die Öffnung entstehen, auf der anderen Seite stehen deutlich infektiösere Virus-Varianten, die durch Lockerungen leichtes Spiel in einer dritten Infektionswelle haben würden.
Neben dem Zeitpunkt der Lockerungen ist auch der Fortschritt der Impfungen ein wichtiger Faktor, wenn es darum geht, eine dritte Welle möglichst kleinzuhalten und die Intensivpflege zu entlasten. Zu diesem Schluss kam jüngst das Prognosemodell der DIVI. Gleichzeitig sinkt jedoch die Bereitschaft sich mit dem für die Impfstrategie besonders wichtigen Impfstoff von AstraZeneca impfen zu lassen. Überall im Land bleiben Impfdosen liegen, Impftermine werden abgesagt.

Die Pandemie-Müdigkeit
Bund und Länder haben in den letzten Monaten wertvolles Vertrauen verspielt. Viele Hilfsgelder fließen nur begrenzt oder noch gar nicht, die Öffnung der Schulen ohne ausreichend verfügbare Schnelltests und ohne Impfung von Lehrkräften wird viele Infektionen begünstigen.
Gleichzeitig treibt das gute Wetter die Menschen an die frische Luft, wo Abstand und Masken zunehmend an Bedeutung verlieren. Die Menschen sind der Pandemie müde. Damit sind nicht die gemeint, die sich seit Monaten nicht an Regeln halten, sich in Verschwörungen verwickeln oder Querdenken-Partys auf dem Rücken des Gesundheitssystems und Risikogruppen veranstalten.
Es sind die, die seit Monaten Kontakte reduzieren, in unsicheren finanziellen Lebenssituationen stecken, die eine Pause von der Perspektivlosigkeit des Lockdowns brauchen. Gegen diese Pandemie-Müdigkeit wird das einfache Fortführen oder gar Verschärfen der Kontaktbeschränkungen nicht helfen.

Das Dilemma
Mit dem jetzigen Konzept der Pandemiebekämpfung lässt sich kein richtiger Ausweg finden. Bei Lockerungen gäbe es eine starke dritte Welle, die sich im Mai in enormen Infektionszahlen widerspiegeln würde. Beim reinen Beibehalten der bestehenden Regeln ohne langfristige Perspektive, werden immer mehr Menschen nicht mehr die Kraft haben, diese effizient einzuhalten. Mit neuen Virus-Varianten wird das Einschränken von privaten Kontakten allein nicht ausreichen, was sich vielleicht schon jetzt in der Stagnation des 7-Tage-Mittelwerts der Infektionen auf 100.000 Einwohner*innen zeigt.

Was braucht es also jetzt?
Statt die Menschen alleine zu lassen mit Existenzängsten und der Belastung des Lockdowns, braucht es einen neuen Ansatz. Der Floskel „Gemeinsam gegen Corona“ müssen Taten folgen. Finanzielle Absicherung und das termingerechte Auszahlen von Hilfen für alle betroffenen Branchen, könnten verspieltes Vertrauen wiederherstellen. Mit entsprechender Absicherung könnte der Lockdown, im Sinne der #ZeroCovid Strategie, auf die gesamte, nicht-systemrelevante Wirtschaft ausgeweitet werden und könnte somit eine Vielzahl von Kontakten verhindern. Gleichzeitig müssen Impfungen vorangetrieben und auch das Vertrauen in den AstraZeneca-Impfstoff wiederhergestellt werden, und, wenn dies nicht erfolgreich ist, muss liegengebliebener Impfstoff für niedriger priorisierte Impfgruppen freigegeben werden.
Das Ziel kann, aber muss dabei nicht sein, die Infektionen auf 0 zu bringen. Das Ziel muss sein, der Bevölkerung eine echte Perspektive zu geben, eine Situation erreichen zu können, die nachhaltige Lockerungen ermöglicht. Denn halbherzig vorbereitete Lockerungen kosten im Ergebnis nicht nur Rückhalt in der Bevölkerung, sondern in erster Linie das Leben der Menschen, die sich im Zuge dieser infizieren und sterben.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s